Die Haltung, die ich einnehme

45 Zentimeter, die darüber entscheiden, welche Haltung ich zeige. Suzann Pettersen wird sich im Solheim Cup wohl nicht über die Konsequenzen ihrer Handlung bewusst gewesen sein, den Putt den US-Spielerinnen nicht geschenkt zu haben. Das wird bei ihr lange wirken, da bin ich mir sicher. Dem US-Team schien die Aktion den nötigen Motivationskick gegeben zu haben, der Sonntag im Solheim Cup im GC St. Leon-Rot schien die Quittung für Europa.

„Ich wollte den Putt nun mal sehen“, sagte sie später, und aus dem Vorfall habe sie gelernt. Andererseits ist das US-Team in die Vorschnell-Falle getappt. Sie hätten ja auch warten können, so lange, bis Suzann Pettersen merkt: hey, wo sind die denn, da war doch noch was. Ich wäre auf dem Grün gestanden, hätte provokant gewartet oder gefragt: „Ist der geschenkt?“ Als US-Captain hätte ich meinen Vierergirls den Kopf gewaschen und gesagt: „Tomorrow you go out and kill them.“

Hallo, in solch einem Match, da gibt es keine Freunde, da geht es symbolisch um Tod oder Leben, da geht es um die Haltung gegenüber meinem Team, meinem Land und Kontinent. Man könnte ja auch sagen: Wie blöd waren die US-Girls eigentlich, die Grundlektion lautet doch: die Verantwortung liegt bei einem selbst. Das lehrt uns Golf! Den Ball in einem unklaren Moment aufzuheben ist noch blöder als ihn als geschenkt zu definieren. Das ist jedenfalls meine Meinung. Die Emotionen, der Stress und Druck, da zeigt es sich um so deutlicher, welche Haltung und innere Stärke habe ich.

Szenen, die wir auch aus dem Amateur- und Bundesligalager kennen. Es ist etwas passiert, wir bekommen Lektionen geschickt, wir sollen lernen. Und immer hat es mit meiner individuellen Herkunft zu tun. Wessen Kind bin ich, welche Vorbilder ich habe, in welchem Umfeld bin ich aufgewachsen, welche Bildung ich habe? Der Golfclub, das Golfspiel an sich, war ja mal ein Lernlabor mit guten Vorbildern, die einem Charakterstärke, eine sportliche Grundhaltung, soziale Kompetenz, Stil und Manieren beibrachte und mein Lieblingsthema: mogeln wurde geahndet oder gab es nicht. Diese Zeiten sind endgültig vorbei, heute zählen mehrheitlich: ich, ich, ich und meine Vorteile. Ich gebe es zu, ich traue mich als Mensch zu sagen: Früher fand ich es besser. Als Philosoph sage ich: Keine Bewertung, früher war es eben anders, mal sehen, wie sich das alles noch entwickelt.

Ich jedenfalls habe viele universelle Lektionen gelernt. Diese gibt es, darauf schwöre ich. Es sind einige Grundregeln wie die „Spiegelung“, die „Resonanz“, und das, was ich tue mit meiner Grundhaltung, kommt zurück, im Guten wie im Bösen. Das, was ich einem anderen ankreide und in ihm bewerte, ist die Spiegelung meiner selbst. In Resonanz gehe ich mit Themen und seelischen Entwicklungsaufgaben, die mich selbst und das Kollektiv betreffen. Vergehe ich mich an Menschen, der Natur oder Tieren, dann kommt es zurück, meist negativ. Habe ich Herzensbildung und mich dem Prinzip der Liebe auch für den Nächsten verpflichtet, dann sieht alles positiver aus.

Kollektiv betrachtet haben wir nicht nur in Europa viele neue Herausforderungen zu bewältigen. Dabei zeigt sich dann die jeweilige Grundhaltung von Ländern. Sind wir doch mal ehrlich: In der aktuellen Lage sehen wir auch Ergebnisse dessen, was wir Menschen immer noch fabrizieren oder schon fabriziert haben. Die Quittung kommt, so oder so. Insofern: Mein lieber Gott, Dein Lernlabor Mensch hat noch viele Aufgaben vor sich. Bitte zeige gute Wege auf. Und wir: Lassen Sie uns eine lange Weile noch unsere Lernlabors Golfplatz und Golfclubs schützen und genießen!

Herzlichst…

Ihre Uschi Beer

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